Das ist die Wahrheit hinter den Bildern, den Notrufen und den geretteten Tieren.
„Ich weiß gar nicht, wie du das schaffst.“
„Für diese Arbeit muss man ein richtig dickes Fell haben.“
Diese Sätze höre ich zu oft. Wahrscheinlich sind sie anerkennend gemeint? Aber ein dickes Fell habe ich nicht. Vielleicht lernt man irgendwann, weiterzumachen, obwohl einem das Herz schwer ist. So schwer, wie sich das kaum einer vorstellen kann. Vielleicht funktioniert man, weil bereits der nächste Anruf kommt und das nächste Tier Hilfe braucht. Aber all das, was wir sehen und hören, geht nicht einfach an uns vorbei. An niemandem von uns.
Mittlerweile erreichen uns fast täglich neue Tierschutzmeldungen. Geschichten darüber, wie und wo Tiere gehalten, vernachlässigt oder gequält werden. Manchmal könnte man schreien und die Menschen einfach nur fragen: Warum tust du das?
Doch so einfach ist es nicht.
Wir können nicht in jede Wohnung gehen und ein Tier mitnehmen. Wir können nicht überall eingreifen, nur weil wir sehen, dass etwas falsch läuft. Manchmal ist eine Situation rechtlich noch nicht schlimm genug, obwohl sie für uns persönlich schon längst unerträglich ist. Manchmal müssen Dinge dokumentiert, Kontrollen durchgeführt und rechtliche Wege eingehalten werden. Manchmal müssen wir abwarten, damit ein Verfahren nicht gefährdet wird und die Verantwortlichen am Ende tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden können.
Und genau dieses Warten, dieses Wissen und trotzdem nichts unmittelbar verändern zu können, gehört zu den schlimmsten Gefühlen überhaupt.
Allein in dieser Woche waren es vier oder fünf Geschichten, die sich in meinem Kopf festgesetzt haben. Fälle, bei denen einem die Hände gebunden sind und man kaum mehr tun kann, als aufmerksam zu machen, andere Stellen einzuschalten und immer wieder darum zu bitten, genauer hinzusehen.
Dazwischen gibt es die Tiere, bei denen wir ganz nah dran sind. Für die wir uns ein Bein ausreißen, alles organisieren und gefühlt gegen Windmühlen kämpfen und uns dann noch beschimpfen lassen müssen.
Gestern bei unserer Mahnwache haben wir viele dieser Schicksale noch einmal ausgesprochen. Es wurde einem schwer ums Herz. Gleichzeitig war es bewegend zu sehen, wie viele Menschen mitfühlen, zuhören und für dieselbe Sache kämpfen wie wir.
Jeden Tag halte ich Hollys altes Geschirr in der Hand. Das Geschirr, das ihr damals viel zu groß war, weil sie so abgemagert war. Und gleichzeitig sehe ich heute ein neues Foto von ihr: ein Hund, der inzwischen viel mehr auf den Rippen hat, glücklich an einem See liegt und endlich leben darf.
Solche Bilder geben Kraft.
Aber nicht jede Geschichte endet so.
Er war noch jung. Fast selbst noch ein Kind. Ein kleiner Kater, abgemagert bis auf die Knochen, auf der Suche nach irgendetwas Essbarem und vermutlich auch nach einem Ort, an dem er für einen Moment sicher sein konnte.
Der Hunger hatte ihn in eine Kellerwohnung getrieben. Durch ein geöffnetes Fenster war er in das Haus geklettert. Er konnte nicht wissen, dass dort Hunde lebten. Er wusste nur, dass es dort vielleicht Futter gab. Dass es dort vielleicht wärmer war als draußen. Dass er irgendwohin musste, weil sein ausgehungerter Körper nicht mehr lange durchhalten würde.
Die Hunde erwischten ihn.
Sie verletzten ihn so schwer, dass kaum etwas an seinem kleinen Körper unversehrt blieb. Seine Hüfte war gebrochen, beide Hinterbeine waren gebrochen und mehrere Rippen waren gebrochen. Trotzdem gelang es ihm noch zu fliehen.
Mit letzter Kraft schleppte er sich nach draußen und verkroch sich tief in einem Gebüsch. Seine Hinterbeine zog er nur noch hinter sich her. Vermutlich hatte er panische Angst. Vor den Hunden, vor den Schmerzen und vor den Menschen, die nach ihm suchten und die er nicht als Hilfe erkennen konnte.
Er wusste nicht, dass wir gekommen waren, um ihn zu retten. Er wusste nur, dass ihm etwas Furchtbares geschehen war und dass er sich verstecken musste.
Es war nicht leicht, ihn dort herauszubekommen. Er hatte sich bis in den hintersten Winkel des Gebüschs zurückgezogen. Selbst schwer verletzt kämpfte er noch darum, nicht gefunden zu werden. Vielleicht hatte er gelernt, dass man sich auf niemanden verlassen durfte. Vielleicht hatte er in seinem kurzen Leben schon zu oft erfahren, dass Nähe Gefahr bedeutete.
Als wir ihn schließlich sichern konnten, blieb keine Zeit. Wir rasten mit ihm in die Klinik. Wir hofften, dass er es schaffen würde. Dass die Tierärzte seine Lunge versorgen, seine Knochen stabilisieren und ihm irgendwann zeigen könnten, dass ein Leben auch anders sein kann.
Doch wir kamen nicht mehr rechtzeitig.
Auf dem Weg in die Klinik begann er nach Luft zu ringen. Durch die verletzte Lunge bekam sein kleiner Körper nicht mehr genug Sauerstoff. Er versuchte, sich noch einmal zu drehen. Seine Augen waren weit aufgerissen, riesig vor Angst und Panik. Er kämpfte um jeden einzelnen Atemzug.
Und ich konnte nichts tun.
Ich konnte ihn nur anschauen und ihm sagen das wir da sind. Das er nicht mehr allein war und nur noch etwas durchhalten muss.
Er sah mich mit diesen großen und panischen Augen an während er seine letzten Atemzüge machte.
Dann war er tot.
Ein junges Tier das noch kein richtiges Leben gehabt hatte. Das nicht in das Haus gegangen war weil es unvorsichtig oder leichtsinnig war… Es war der Hunger, der ihn hineingetrieben hatte.
Wir hatten ihn gefunden. Wir hatten ihn in den Armen. Wir waren auf dem Weg zur Hilfe.
Und trotzdem haben wir es nicht geschafft.
Manche Tiere sterben allein und unbemerkt. Manche erreichen uns erst, wenn ihr Körper bereits zu schwer verletzt ist. Manchmal kämpfen wir mit allem, was wir haben… gegen Verletzungen, Krankheiten und gegen die Zeit…. und verlieren trotzdem.
Diese Fälle bleiben im Kopf und im Herzen.
Sie verschwinden nicht mit dem nächsten Notruf und auch nicht mit dem nächsten Tier, das gerettet werden kann und auch nicht mit den Jahren.
Seine Augen sind geblieben. Dieser letzte panische Blick eines Tieres das nicht verstehen konnte, warum ihm all das geschehen war.
Ich hätte ihm so gern gezeigt, dass sein Leben nicht nur aus Hunger, Angst und Schmerzen besteht. Ich hätte ihm gern einen Namen gegeben, ein warmes Bett, einen vollen Napf und Menschen, vor denen er sich nicht verstecken muss.
Doch alles was wir ihm am Ende noch geben konnten war, dass er nicht ganz allein sterben musste und manchmal ist das viel zu wenig.
Und manchmal ist es alles, was uns noch bleibt.
Das ist eben die Wahrheit hinter den Bildern, den vielen Notrufen und den geretteten Tieren.
Wir machen weiter. Immer wieder und zwar nicht, weil wir ein dickes Fell haben, sondern weil wegsehen für uns noch schwerer wäre.

Previous Post