Pechpraline
Und ich habe alles stehen und liegen gelassen….
„Hier wurde gerade ein Katzenbaby abgegeben. Kieferfraktur. Es muss operiert werden. Könnt ihr das übernehmen und mit ihr in die TiHo fahren?“
Die behandelnde Tierärztin wollte dieses kleine Mädchen nicht aufgeben. Sie wollte sie nicht einschläfern sondern ihr eine Chance geben. Also haben wir natürlich sofort zugesagt, Pechpraline abgeholt und sind mit ihr direkt in die Tiermedizinische Hochschule Hannover gefahren.
Und dann saß da dieses kleine schwarze zehn Wochen alte kleine süße Ding. Das Gesicht so dick angeschwollen das man schon beim hingucken wusste das da etwas ganz und gar nicht stimmt.
Dann dieser Geruch nach Eiter, der einem sofort verraten hat: Diese Verletzung ist nicht von gestern…..
Pechpraline muss schon seit mehreren Tagen mit diesem kaputten Kiefer und diesen Schmerzen herumgelaufen sein.
Als kleines Baby….
In der Klinik wurde sie direkt stationär aufgenommen. Heute sollte im CT erst einmal genau geschaut werden, was überhaupt kaputt ist und wie man diesen winzigen Kiefer noch retten kann.
Leider waren die Bilder schlimmer als gehofft.
Ihr Unterkiefer ist nicht einfach „nur“ gebrochen. Er ist an mehreren Stellen zertrümmert, auch das Kiefergelenk ist betroffen. Und damit wurde aus einer ohnehin schwierigen Fraktur eine richtig komplizierte Geschichte. Pechpraline ist außerdem noch viel zu klein für eine normale Versorgung mit einer Platte. Sie wächst noch, eine Platte aber natürlich nicht mit.
Also musste ein anderer Weg gefunden werden.
Die TiHo hat sich einen Plan gemacht und eine spezielle Methode gewählt, um den kleinen Kiefer trotzdem zu stabilisieren und ihm die Chance zu geben, wieder zusammenzuwachsen. Zusätzlich hat Pechpraline eine Ernährungssonde bekommen, denn ihr Kiefer braucht jetzt vor allem eines: Ruhe. Die nächste Zeit wird sie darüber ernährt werden müssen und alles muss sehr engmaschig kontrolliert werden.
Jetzt müssen wir hoffen, dass ihr kleiner Körper genau das tut, was ein kleiner Körper hoffentlich besonders gut kann: heilen.
Und bei all den medizinischen Dingen gibt es aber einen Moment den ich nicht so schnell vergessen werde.
Pechpraline kannte mich überhaupt nicht. Ich war einfach irgendein fremder Mensch, der sie abgeholt, ins Auto gesetzt und mit ihr in eine Klinik gefahren ist. Eigentlich hätte sie allen Grund gehabt, Angst zu haben.
Stattdessen hat sie erst einmal das komplette Wartezimmer ausgecheckt. Und natürlich innerhalb kürzester Zeit dafür gesorgt, dass wirklich jeder dort dieses kleine schwarze Mädchen mit dem völlig angeschwollenen Gesicht bezaubernd fand.
Dann saß sie auf meinem Schoß als würde sie irgendwie wissen, dass wir jetzt hier sind, damit ihr geholfen wird.
Sie hat geguckt, beobachtet, sich alles ganz genau angesehen. Dann fing sie an, auf meinem Schoß Milchtritt zu machen, rollte sich irgendwann ganz wollig zusammen und schlief einfach ein.
Mit diesem fiesen zertrümmerten Kiefer. Mit einem Gesicht, das vor Entzündung schon nach Eiter roch. Nach Tagen, in denen dieses winzige Katzenkind Schmerzen gehabt haben muss, die wir uns wahrscheinlich gar nicht vorstellen können.
Und trotzdem war da so viel Vertrauen. Ich weiß nicht, was ihr passiert ist und warum sie mehrere Tage mit einer solchen Verletzung herumlaufen musste. Aber ich weiß, dass sie jetzt nicht mehr alleine damit ist.
Sie hat ihren Namen übrigens nicht ohne Grund bekommen.
Dieses kleine Mädchen hat bisher wirklich verdammt viel Pech gehabt.
Aber ab jetzt möchten wir dafür sorgen, dass von Pechpraline irgendwann nur noch die Praline übrig bleibt.
Jetzt beginnt ihre Geschichte bei uns. Und wir hoffen sehr, dass wir euch bald zeigen können, wie aus diesem kleinen schwarzen Häufchen Pech ein gesundes, freches Katzenmädchen wird.
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